Jetzt die Notbremse ziehen!

Die Zeichen für die Kinder- und Jugendarbeit im Land Sachsen-Anhalt stehen seit Jahren auf Rückbau. Doch dieser Rückbau hat nicht nur Auswirkungen auf abstrakte Zahlen in Haushaltsplänen, sondern fatale reale Konsequenzen für die demokratische Bürgergesellschaft, die Lebensbedingungen junger Menschen und deren politische Anerkennung. Die von der Landesregierung geplanten und im Sozialausschuss schon beschlossenen Einsparungen im Bereich Jugendpauschale und Fachkräfteprogramm haben bereits eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Die Folgen werden weiter reichen, als die politisch Verantwortlichen wahrhaben wollen.

Bereits jetzt ist klar, dass die kurzsichtige, überhastete Sparpolitik – 2 Millionen Euro sollen bei den Landesprogrammen zur Jugendförderung gespart werden – teure Folgen für unser Land haben wird. Wenn mindestens jede dritte Stelle in der kommunalen Kinder- und Jugendarbeit wegfällt, Freizeitangebote und –aktivitäten massiv eingeschränkt werden oder Kinder- und Jugendhäuser zeitweise oder ganz schließen, hat dies negative Folgeeffekte. Es beginnt damit, dass Kinder und Jugendliche weniger, in manchen Gegenden Sachsen-Anhalts keinerlei Freiräume, Verwirklichungsmöglichkeiten und Ansprechpartner*innen mehr finden, um gemeinsam mit Gleichaltrigen Freizeit, Erfahrungen und ihre eigene Selbstwirksamkeit zu erleben. Soziale Distanzierung, Verinselung, gesellschaftliche Teilnahmslosigkeit und mangelnde Korrektive extremistischer Gesinnungen sind dabei wesentliche Konsequenzen einer unzureichend ausgestatteten Kinder- und Jugendarbeit. Gleichzeitig wird der Abwanderung junger Menschen aus Sachsen-Anhalt durch den Rückbau ein weiterer Grund geliefert, und Zuwanderung unattraktiv gemacht. Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen Sachsen-Anhalts städtischen Zentren und dessen ländlicher Peripherie werden mehr und mehr zementiert.

„Es ist unbegreiflich. Sehenden Auges wird Sachsen-Anhalt in einen Strudel aus (jugend)politischer, demographischer, ökonomischer und gesellschaftlicherAbwärtsentwicklung gesteuert“, fasst Rolf Hanselmann (Vorstandsvorsitzender des KJR LSA) zusammen. „Vor allem aber“, erläutert er seine Bedenken, „sind die kurzfristig gedachten, meist fiskalisch fokussierten Entscheidungen ein Raubbau an der Demokratie und eine Verfestigung sozialer Ungleichheit.“

Das bekommen zurzeit akut auch die jugendpolitischen Interessenvertretungen in den kreisfreien Städten und Landkreisen zu spüren. Besonders deutlich wird dies an den aktuell beschlossenen Stellenstreichungen bei den Kinder- und Jugendringen der kreisfreien Städte und Landkreise insbesondere in Magdeburg und im Burgenlandkreis. Erst Ende letzter Woche hat der Magdeburger Stadtrat beschlossen, das Personal des Stadtjugendring Magdeburg e.V. von einer vollen auf eine halbe Stelle zu reduzieren. Damit wurde dem Stadtjugendring auf einstimmigen Beschluss des Stadtrats die personelle Untersetzung seiner Kernaufgabe, nämlich die der Vertretung kinder- und jugendpolitischer Interessen, entzogen! Auch im Kinder- und Jugendring Burgenlandkreis e.V. gibt es Pläne, die vorhandene und bisher durch das Fachkräfteprogramm geförderte hauptamtliche Stelle, durch die den Kindern und Jugendlichen der Region eine verlässliche politische Stimme verliehen wurde, komplett zu streichen.

Der Stellenabbau bei den Kinder- und Jugendringen in Magdeburg und dem Burgenlandkreis steht in deutlichem Widerspruch zu dem vom Land geplanten eigenständigen jugendpolitischen Programm, welches gezielt junge Menschen in Sachsen-Anhalt einbeziehen soll, um ihren Bedürfnissen, Meinungen, Wünschen und Visionen für ein Leben in diesem Bundesland Beachtung zu schenken. Um mit Kontinuität und Beharrlichkeit im Interesse der jungen Menschen handeln zu können, braucht jugendpolitische Vertretung entsprechende öffentliche finanzielle Mittel – und zwar unabhängig davon, ob ihre Meinungen und Forderungen gefallen oder nicht. „Eine starke und gute Demokratie basiert immer auf der vielfältigen Repräsentation der Menschen, die in ihr leben. Jungen Menschen, Jugendorganisationen und Trägern ihre lokal verankerte Vertretung zu nehmen, höhlt die Demokratie in ihrer Qualität und Struktur aus“, hält Hanselmann unmissverständlich fest.

Kategorien:
Startseite
Schlagworte:

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte beachte unsere Kommentarrichtlinien

Spamschutz *

YouthPOOL präsentiert